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Wir wollen die Gesichter hinter dem Bildungsstreik vorstellen, zeigen, was jenseits der Berichterstattung der Medien passiert, Aspekte schildern, die der Öffentlichkeit kaum zugänglich sind, kurz: Wir berichten über den Bildungsstreik. Aus persönlichen Perspektiven.

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Mäuse, Eulen und die schützende Kraft der Sonne

Man muss sagen, dass sich in den letzten Tagen im H2 eine merkwürdige Sitte eingestellt hat. Nunja, vielleicht ist es auch wieder eine Rückkehr zur Normalität einer Besetzung. Auf jeden Fall lässt sich sagen, dass der H2 in letzter Zeit eine bewundernswerte Schlaflosigkeit an den Tag legt. Bis früh um halb 6, halb 7 Uhr Morgens sieht man die Besetzer noch geschäfftig ihr Handwerk verrichten.

Euer Krümel konnte sich leider aufgrund bereits akuten Schlafmangels nicht beteiligen, wurde aber gerade so Zeuge dieser nächtlichen Aktivitäten. Denn als der Wecker um halb 6 klingelte und er müde durch das Zentrale Hörsaalgebäude (das Wort kommt heute noch öfter vor, deswegen ab hier nur noch ZH genannt) tapste kam ihm ein übernächtigter Besetzer entgegen und verkündete Stolz: "Die ganz Tiefstraße ist jetzt mit Sprüchen voll. Das is so geil. Schaust du mal kurz mit ob ich mich verschrieben habe? Ich bin so scheiß müde." Und in der Tat, in den fabrigsten Kreidespuren leuchtete einem die Tiefstraße entgegen. "Weg mit der Hochschuldiktatur - Demokratie jetzt" "Masterplätze für alle" "Kein Schmalspurstuidum" - Ein würdiger Empfang für die Schüler.

Der Besetzer legte sich anschließend, wenn auch nur kurzzeitig, zur wohlverdienten Ruhe. Krümel vervollständigte noch den Vortrag über die Besetzung, begrüßte die Cafete und sah manches mal doch schon fast sorgenvoll auf die Uhr. 7 Uhr war es mittlerweile geworden und eigentlich wollte man schon um halb 6 die Banner und Plakate wieder im ZH aufhängen und einen Infostand aufbauen.

Andererseits wusste er einerseits nicht nur von den nächtlichen Aktivitäten des H2, sondern auch von der unglaublichen Effektivität der Besetzer, wenn sie erst einmal wach waren. Und so wurden alle Aufgaben frohen Mutes auf 8 Uhr verschoben.  Um diese Zeit wurde dann auch zum Wecken gerufen; verschlafene Augen blinzelten in das grelle Kunstlicht, der Tag hatte begonnen, es gab viel zu tun.

Doch, sei es Teufel oder glückliche Fügung, die Uhr schlug 9 bis alle Türen geöffnet, alle Materialien gefunden waren. Aber diese Frage sollte erst später an diesem Tag beantwortet werden können. Habt Geduld.

Bereits um 8 Uhr erreichte uns die Nachricht, dass in der Tiefstraße 3 Männer der Verwaltung abgestellt worden waren um mithilfe eines Hydranten und mehrerer Besen unsere Begrüßungszeilen für die Schüler wieder zu entfernen. Kein guter Start, aber der Tag hatte ja gerade erst begonnen.

Schließlich um 9 Uhr waren alle Schranken überwunden, es konnte beginnen. 3 Teams bildeten sich heraus. Das Erste hängte im gesamten ZH die Plakate und Banner der Besetzung unter den Blicken der ersten Schüler wieder auf. Die Plakate waren zwei Tage vorher vorsorglich abgehängt worden um sie vor der Zerstörung durch die Hochschulleitung zu bewahren. Betrachtet man die Reaktion auf die Kreideschriften in der Tiefstraße wohl nicht ganz zu unrecht.

Die Zweite Gruppe baute direkt vor dem H2, im Herzen des ZH den Infostand des Bildungsstreiks auf. Ein großer Tisch, zwei Plakatwände, unzählige Flyer, Knabbereien und fröhliche Gesichter begrüßten ebenfalls verschlafen wirkende Schüler. 

Alle anderen Besetzer verblieben im H2 um die Schüler zu begrüßen, die sich auch ohne direkte Werbung in den besetzten Hörsaal wagten. Und das waren, obwohl am Anfang zögerlich, doch viel mehr als wir uns erhofft hatten, bzw. in der ersten Stunde auch mehr als wir betreuen konnten. Aber minütlich bekamen wir die Situation besser in den Griff. Ab halb 10 konnten wir den Besuchern Kaffee, ab halb 11  auch Kuchen anbieten.

Und wir fanden sogar noch Zeit ein kleines Theaterstück für die Schüler vorzubereiten, die im Audimax einem Vortrag unserers Rektors Strothotte beiwohnten. Hierfür griffen wir auf eine Idee aus dem letzten Jahr zurück.

Es wurde ein (durch ein übergroßes Pappschild symbolisiertes) Semester-ticket angeboten, zum einmaligen Preis von nur 500€. Daraufhin erhoben sich viele die ebenfalls ein Studium forderten, sich aber die 500€ nicht leisten konnten. Der Anbieter des Tickets winkte nur hämisch lachend ab, kassierte von einer gut gekleideten Dame aus wohlhabendem Hause die 500€ und wurde von der Gruppe entäuschter Studienwilligen verfolgt.

Unterstützt wurde diese Aktion durch unsere AG Schüler, die währendessen für ihre Demo am 5.3. flyerten und das Audimax in einen dichten Papierregen tauchten. 

Die Reaktionen vielen unterschiedlich aus: Der Rektor brach daraufhin die Veranstaltung ab und versuchte die Besetzer durch das Orchester übertönen zu lassen. Die anwesenden Schüler klatschten noch lange Beifall.

Doch wir wollten die Schüler nicht nur über die Zwangsgebühr an der Universität informieren, sondern ihnen einen Überblick über den Bildungsstreik und seine Ziele geben. Deshalb wurde in dieser Zeit bereits einem umfassenden Vortrag der letzte Schliff verpasst, der ab 11 Uhr stündlich im H2 wiederholt wurde und von insgesamt etwa 1200 Schülern besucht wurde. 

"Witzig", "Charmant", "Informativ", waren die Rückmeldungen die die Streikenden für ihre Infoveranstaltung  erhielten, in der die Schüler einmal quer durch die Geschichte der Besetzung geführt wurden: Von der Vollversammlung, über die ersten Aktionen, den 23. Dezember und den Wiedereinzug bis hin zur aktuellen Situation der wiederaufgenommenen Vollbesetzung. Nebenbei bildeten sich viele Gesprächskreise, da viele Schüler die Möglichkeit nutzten um sich von alteingesessenen Studenten über verschieden Studiengänge beraten zu lassen. 

Gleichzeitig arbeitete die AG Presse auf Hochtouren. Mehrere Radioberichte, Mz Artikel, und Videos auf verschiedenen Nachrichtenplattformen waren der Lohn für ihre Mühen und verkündeten auch nach außen hin: Der H2 war der inoffizielle Star des Hochschultags. Keine andere Veranstaltung hatte soviele Besucher und war über den ganzen Tag hinweg derartig präsent.

Doch man verliert sich hier in weitschweifigen Detailberichten, obwohl die Frage nach Teufel oder glücklicher Fügung noch immer im Raum steht.

Fassen wir die Ereignisse zusammen: 

- 5:30: Es werden von den Besetzern Begrüßungssprüche mit Kreide in die Tiefstraße gemalen.

- 7:30: Diese werden von der Hochschulleitung wieder entfernt.

- 9:00: Die ersten Schüler strömen in das ZH, die Besetzer nehmen ihre Arbeit auf.

- 9:30: Im gesamten ZH hängen die Banner und Plakate der Besetzer, sowie Programmhinweise auf die Veranstaltungen im H2. Es gibt Kaffee für die Schüler im H2.

- 10:45: Die Theateraufführung im Audimax findet statt.

- 11:00 und 12:00: Die ersten Vorträge über die Besetzung informieren knapp 1000 interessierte Schüler.  Es bilden sich im Anschluss viele Gesprächskreise. Auch Kuchen kann inzwischen angeboten werden.

- 13:00: Die ersten Schüler nutzen den Schulschluß und verlassen den Hochschultag, trotzdem noch rund 200 Schüler im H2.

- 16:00: Glückliche Erschöpfung macht sich unter den Besetzern breit.

Zusätzlich wurden die Schüler die gesamte Zeit über vom Infostand und der AG Schüler informiertet und beraten. 

Man sieht am Entfernen der Kreideschriften in der Tiefstraße und den massiven Räumungsdrohungen im Vorfeld, dass die Hochschulleitung wenig Interesse daran hatte, dass wir unsere Inhalte am Hochschultag vertreten konnten. Jedoch wagte sie es nicht, gegen uns vorzugehen solange Schüler und Presse anwesend waren. Besonders nicht, da die Schüler durchaus Interesse und Verständnis für die Besetzung zeigten. Und da unsere gesamten Aufbauarbeiten erst stattfanden als bereits viele Schüler im ZH waren, verliefen die Stunden von 9-11 Uhr zwar sehr stressig, aber auch ungestört von Querschüssen aus der Verwaltung.

 Und somit möchte ich doch sagen: Glückliche Fügung. Der frühe Vogel fängt bekanntlich den Wurm, zwischen den Besetzern und der Hochschulleitung herrscht aber zur Zeit eher das Verhältnis Maus und Eule. Denn wenn es zu hell wird, hat die Eule keine Lust mehr etwas gegen die Maus zu unternehmen.

Und dieses Licht der Öffentlichkeit werden wir auch weiterhin suchen, unsere Ideen, Wünsche und Vorstellungen darin zur Schau stellen und die Bevölkerung erfahren lassen, warum und für was wir hier wirklich Kämpfen: Um die Zukunft ihrer Kinder. 

 

In eigener Sache möchte ich noch sagen: 

Es war ein scheiß anstrengender Tag und ich konnte mich am Mittag bereits nicht mehr auf einen Stuhl setzen ohne sofort einzuschlafen. Aber es war ein unglaublich tolles Gefühl mit den Schülern zu sprechen, Die Veranstaltungen zu organisieren und zu erzählen und zu erklären was hier vor sich geht. 

Es ist schade, dass man gerade als Lehramtsstudent erst eine Universität besetzen muss, um einmal mit Kindern arbeiten zu können. Aber wenn der Staat nichts macht, muss man sich mal wieder selbst helfen. 

Krümel am 27.2.10 12:02

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